{"id":4518,"date":"2005-10-15T19:32:08","date_gmt":"2005-10-15T17:32:08","guid":{"rendered":"http:\/\/schager.servus.at\/?p=4518"},"modified":"2014-08-28T22:34:30","modified_gmt":"2014-08-28T20:34:30","slug":"rainer-zendron-helden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schager.servus.at\/?p=4518","title":{"rendered":"RAINER ZENDRON: HELDEN"},"content":{"rendered":"<p>Wolf Ruprecht hat uns heute in seiner AutorInnengalerie zusammengerufen, damit wir uns gemeinsam mit sechs k\u00fcnstlerischen Positionen zum Thema \u201eHelden\u201c auseinandersetzen.<!--more--><br \/>\n<strong>Astrid Esslinger, Veronika Merl, Elfriede Ruprecht-Porod, Wolf Ruprecht, Helga Schager und Herbert Schager<\/strong> legen recht heterogene und vielschichtige Positionen zu dem Thema vor.<br \/>\n\u2013 Dies kommt nicht von ungef\u00e4hr. Unsere durchrationalisierte, entsolidarisierte und zweckrational entzauberte Welt l\u00e4sst uns vom Anderen tr\u00e4umen; von einer Gemeinschaft, in der wir Handlungsm\u00e4chtigkeit erlangen k\u00f6nnen. Wenn sich unsere Tr\u00e4ume vom kollektiven Ringen um eine bessere Welt nicht realisieren, dann wird man doch noch wenigstens vom einsamen Kampf gegen den Drachen phantasieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der mythische Heros ist m\u00e4chtig. Aber was bedeutet es f\u00fcr ihn m\u00e4chtig zu sein?<br \/>\nHeroische Macht ist nicht gleichzusetzen mit der Frage: Wer k\u00f6pft wen \u2013 oder wer wird die Prinzessin heiraten?<br \/>\nSie heisst vor allen anderen Dingen, den Tod nicht zu f\u00fcrchten, nicht davor zur\u00fcckzuschrecken das zu tun, was getan werden muss, sich keiner gegen sie gerichteten Feindseligkeit zu unterwerfen; sie heisst mit Freude auf die Siegesbeute zu verzichten.<\/p>\n<p><strong>Elfriede Ruprecht-Porod<\/strong> stellt die Kontextabh\u00e4ngigkeit des Heroischen ins Zentrum ihrer Arbeit. Wie sie, schenkt auch die griechische Mythologie dem Verh\u00e4ltnis von Mutter und Held besondere Beachtung. Denn der Heros, als Sohn der G\u00f6ttin war in grauer Vorzeit eins mit der Natur. Im zyklischen Rhythmus erf\u00fcllt er seine Aufgabe sich f\u00fcrs Ganze zu opfern, um im n\u00e4chsten Jahr von neuem zu erstrahlen.<\/p>\n<p>Wir begegnen den Prototypen dieser Lichtgestalt in der Antike, dem fr\u00fchem Mittelalter und im Wilden Westen, denn das ureigene Aktionsfeld des Helden w\u00e4chst auf gesetzesfreiem Boden. Hier agiert er als \u201einteresselose\u201c Instanz, die nur einem \u201ereinen, abstrakten\u201c menschlichen Ethos verpflichtet ist.<br \/>\n&#8211; Doch diese vermittelnde, unparteiliche Instanz stellt heute der Staat dar; &#8211; zumindest wird uns dies eifrig in der Schule vermittelt, drum m\u00fcssen wir unsere Demokratie ja schliesslich auch in Afghanistan und Bagdad zum Wohl der ganzen Menschheit verteidigen.<br \/>\nWo jedoch die herrschenden Verh\u00e4ltnisse all zu offensichtlich menschlichen Bed\u00fcrfnissen und Regeln entgegenstehen, ist der N\u00e4hrboden f\u00fcr Helden bereitet. Dies gilt heute gleichermassen f\u00fcr Sub-Komandate Marcos wie Osama Bin Laden.<\/p>\n<p>Das der Nazistaat dieser \u201egedachten interesselosen menschliche Ethik\u201c diametral gegen\u00fcber stand, verlangte somit nach \u201eHeldInnen\u201c, die der Barbarei entgegentraten, ohne R\u00fccksicht auf ihre pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnisse. <strong>Helga Schager<\/strong> widmet diesen ihre Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Herbert Schager<\/strong> hinterfragt die Rolle des Einzelnen in der Masse. Er untersucht Bilder von Aufm\u00e4rschen am Heldenplatz und konterkariert sie mit kommerziellen Spielfiguren von Helden. Denn seit Marx ist deutlich, dass der Staat seine \u201eneutrale Rolle\u201c auch in unseren Zeiten nicht zu erf\u00fcllen vermag. Vielmehr ist er ein Getriebener von herrschenden Interessen. Seine Transformation ist n\u00f6tig: erst die politische Emanzipation der Menschen von den Menschen erm\u00f6glicht die wirkliche Befreiung. Doch die Ethik kann und darf nicht auf solch ferne Tage verschoben werden.<\/p>\n<p>Die industrialisierte Organisation der Freizeit in unserer Konsumgesellschaft und die damit einhergehende Entfremdung von ihr, verst\u00e4rkt die Abh\u00e4ngigkeit vom k\u00e4uflichen \u201eGeliebtwerden\u201c. Passivit\u00e4t ruft gesteigerte Sucht nach Liebeszufuhr von aussen hervor und verhindert eigenes Aktivwerden. Einzig die zeitgeistig trivialisierten Helden sind in der Lage den Schein von Freiheit zu symbolisieren und so den Stau narzistischer Gef\u00fchle abzuf\u00fchren, an denen unsere Gesellschaft krankt.<\/p>\n<p><strong>Wolf Ruprecht<\/strong> thematisiert in seinen Bildern solche Symbole zweifelhaften Heldentums. Auf Rohkarton gemalt, entspricht das Material dem trivialen Charakter der Heldendarstellungen unserer Zeit.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach Held-Sein verlagert sich zunehmend ins Feld des Medialen; die letzten gelebten Abenteuer werden neidisch via Fernsehn konsumiert. Analog zu Roman- und Filmhelden sind <strong>Astrid Esslingers<\/strong> Heldinnen Tr\u00e4gerinnen der Bildgeschichte. Ausgestattet mit Attributen der Mediengesellschaft wie Kamera oder Mikrofon lassen sie sich jedoch nicht vorf\u00fchren, sondern gestalten initiativ ihr Leben.<\/p>\n<p>Die heutige Alltags-HeldInnen zeichnen sich weniger dadurch aus, dass sie genau wissen was sie wollen, sondern vielmehr wollen sie, was sie wissen. Sie unterwerfen sich nicht den Normen der Tugend, denn diese kann nicht unabh\u00e4ngig von der Praxis definiert werden. Ethik taugt nicht f\u00fcr die Bewertung des oder der Anderen. Das b\u00fcrokratische Bewusstsein will jedoch um jeden Preis die Verantwortlichkeiten festlegen, um Belohnung und Strafe auszuteilen. <strong>Veronika Merls<\/strong> Zeichnungen ironisieren daher, diese Konventionen und Tabus.<\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft hat aus der Auseinandersetzung mit Krieg und Faschismus gelernt, dass wir Helden gegen\u00fcber misstrauisch sein m\u00fcssen. Doch die Ausstellung zeigt uns, dass es sich lohnt, die Charaktereigenschaften und Typologien der Heroen auf ihre Tragf\u00e4higkeit in unserer Zeit zu diskutieren, denn deutlich ist, das die Rechte mit flachgestrickten Abzugbildern von Helden operiert, die gerade den wesentlichen Merkmalen der mythologischen Heroen entgegenstehen: der Fundierung in sich selbst, und dem Gegensatz zum kanonisierten, gesellschaftlichen Kodex.<\/p>\n<p>Leider braucht es noch viele kleine HeldInnen, um eine Gesellschaft zu erreichen, die endlich locker auf Heldenhaftes verzichten kann.<\/p>\n<p><strong>univ.doz.rainer zendron<br \/>\nvizerektor, kunstuni linz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolf Ruprecht hat uns heute in seiner AutorInnengalerie zusammengerufen, damit wir uns gemeinsam mit sechs k\u00fcnstlerischen Positionen zum Thema \u201eHelden\u201c auseinandersetzen.<\/p>\n","protected":false},"author":7625,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,20],"tags":[],"class_list":["post-4518","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-german","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4518","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7625"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4518"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4518\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10953,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4518\/revisions\/10953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4518"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4518"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}