{"id":4479,"date":"2007-08-10T22:18:17","date_gmt":"2007-08-10T20:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/schager.servus.at\/?p=4479"},"modified":"2014-08-28T22:32:11","modified_gmt":"2014-08-28T20:32:11","slug":"rainer-zendron-der-apfel-fallt-nicht-weit-vom-stamm-%e2%80%93-5-individualistinnen-spielen-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schager.servus.at\/?p=4479","title":{"rendered":"RAINER ZENDRON: Der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamm \u2013 5 IndividualistInnen spielen Familie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamm \u2013 5 IndividualistInnen spielen Familie<\/strong><\/p>\n<p><em>Versuch zur Ausstellung von Helga, Herbert, Felix und Oona Valarie Schager mit Ufuk Serbest im Blauen Salon des Kulturhauses Tacheles in Berlin zum Thema Familie<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die f\u00fcnf Teile der Familie Schager\/Serbest leben als K\u00fcnstlerInnen und KulturarbeiterInnen. Heterogen vernetzen sich Mehrfachbindungen zwischen den notwendigen wie erw\u00fcnschten individuellen Identit\u00e4ten als K\u00fcnstlerInnenpers\u00f6nlichkeiten und denen als Teile des Kooperationskollektivs der Familie. Komplexer als bei K\u00fcnstlerpaaren &#8211; wie sie von Klaus Theweleit in seinem \u201eBuch der K\u00f6nige\u201c verhandelt werden &#8211; verweben sich wechselseitige Abh\u00e4ngigkeits-, Lern- und Lehrverh\u00e4ltnisse mit Emotionen, Liebe und Macht. Die Produktion einer k\u00fcnstlerischen Wirklichkeitsherstellung wie die k\u00fcnstlerische Menschenherstellung fordern stetige performative und reflektierende Auseinandersetzung. K\u00fcnstlerische wie famili\u00e4re Entwicklungen werden mit paralleler Zielrichtung vorangetrieben: Gegen Verdinglichung und Entfremdung in Kunst, Kultur und Leben. Das weite Spektrum des kulturellen Spielfeldes soll im \u201eHier und Jetzt\u201c gestaltet werden. Die ProtagonistInnen positionieren sich, indem sie Missst\u00e4nde bearbeiten, versuchen individuelle Gl\u00fccksvorstellungen mit politischem Verst\u00e4ndnis zu kombinieren und Emotion ebenso wie subtile, pers\u00f6nliche Weltsichtsichten in ihre Projekte einflie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>Obwohl das Betriebssystem Kunst, seit diese aufs \u201eNeue\u201c verpflichtet ist, die Gesellschaft spiegelnd von Habenwollen, \u00dcbertreffenwollen, Loswerdenwollen bestimmt ist, ist sie gleichzeitig &#8211; anders als die \u00d6konomie &#8211; nicht blo\u00df auf das Recht des St\u00e4rkeren, dem darwinistischen Wettbewerb verpflichtet, bei dem allein \u00fcbrig bleibt, was sich durchsetzt, sondern die Kunst ist in der gesellschaftlichen Aufgabenteilung gleicherma\u00dfen zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u201eVerwaltung\u201c des Neuen (Rainer Metzger). Ihre Artefakte und Prozesse wirken auch als sozialer Streichelzoo zum Heimisch-machen des Fremden\/Neuen. Ihre gesellschaftliche Rolle liegt insofern nicht in der identischen Bewegungsform der jenseits von Moral und Konvention agierenden \u00d6konomie, sondern vielmehr darin, deren Krassheit und Eklatanz vermittelbar zu machen, zu bannen.<\/p>\n<p>Die Penetration des Betriebsystems Kunst mit der Mechanik unseres Gesellschaftssystems durchflutet l\u00e4ngst auch unsere Familiensph\u00e4re. Die Globalisierung des Kapitals hat neben seiner \u00f6ffentlich diskutierten, extensiven Erscheinungsform, auch eine inverse Durchdringungstendenz aller Sozialstrukturen zur Folge. Die letzten Inseln unserer bislang noch nicht durchkommerzialisierten Lebensbereiche, werden Zug um Zug infiltriert, und internalisieren Konkurrenz, Neid und Rivalit\u00e4t. Kunst und Intimit\u00e4t leiden existenziell an ihren divergierenden traditionellen und zeitgen\u00f6ssischen Anforderungen.<\/p>\n<p>Der verquerte Spagat zwischen Avantgardesuche und gesellschaftlichem Gl\u00e4ttungs- und Vermittlungsauftrag, der sich im situationistischen Spektakelbegriff zusammenkn\u00fcllt, pr\u00e4gt das aktuelle Kunstgeschehen. Will sich Kunst nicht in Dekoration, Vergn\u00fcgen oder Lebenshilfe ersch\u00f6pfen, steht einerseits die Forderung nach dem Sichtbarmachen der sie umgebenden Verh\u00e4ltnisse und der Arbeit an ihrer Ver\u00e4nderung, andererseits gleichzeitig jene nach Verdeutlichung ihrer Ohnmacht, Ver\u00e4nderung zu realisieren. Doch meantimes wurden selbst viele Spielarten von m\u00f6glichen, daraus folgenden, formalen Verweigerungsstrategien, mit denen Debord seinen Satz: \u201eWir leben wie verlorene Kinder, unsere Abenteuer bleiben unvollendet &#8230;\u201c, ausklingen l\u00e4sst, zur kritischen Attit\u00fcde vernutzt.<\/p>\n<p>Die Diagnose ist klar: Kunst, die sich in Spektakel oder Vermittlung ersch\u00f6pft, hat aufgeh\u00f6rt Kunst zu sein. Verweigert sie sich jedoch diesem Malstr\u00f6m, bleibt sie zwar Kunst, verliert jedoch tendenziell ihre \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz, nicht zuletzt deshalb, weil die Einrichtungen ihrer \u00f6ffentlichen Pr\u00e4sentation kaum den prim\u00e4ren Auftrag darin haben aktuelle Kunst zu zeigen, sondern breite Bed\u00fcrfnisse unserer Gesellschaft zu befriedigen und die generieren sich aus dem n\u00e4mlichen Bewegungsgesetzen des Betriebssystem. Solch ein kulturpessimistischer Befund ist in seiner Holzschnittf\u00f6rmigkeit konservativ, weil er nur die gro\u00dfen, dominierenden und lauten Tendenzen sichtbar macht und gegenl\u00e4ufige leisere Str\u00f6mungen aus dem Blickwinkel streicht: wie das Einlassen auf, das Eingreifen in und das Begleiten von gesellschaftliche Bewegungen, wie die Verweigerung des Spektakels durch Beharren auf subversiv Einhaltgebietendem oder auch auf die Tendenzen zum Klauen und der unvermuteten Neukombination des Gewohnten, Vernutzten mit querer Sto\u00dfrichtung.<\/p>\n<p>Nicht-lineare Collage und Remix reflektieren gegenw\u00e4rtige Medienangebote und reagieren auf wachsende Multikontextualit\u00e4t. Die Kunst-Realit\u00e4t wird bei diesem Ansatz nicht chronologisch nachgezeichnet, sondern nach ausgew\u00e4hlten Kriterien, Inhalten und Modellen zusammengef\u00fcgt, die nicht prima vista einleuchten. Dies birgt jedoch die Chance ein umfassenderes Bild der komplexen Wirklichkeit zu entwerfen, welches die RezipientInnen zwingt vorschnelle, vereinfachende Schl\u00fcsse zu \u00fcberpr\u00fcfen. Die Zersplitterung der Wahrnehmung und der Bruch einer erz\u00e4hlerischen Logik, wie sie in der digital gelagerten Bilder- und Soundwelt ihren Ausdruck findet, k\u00f6nnten vorschnell blo\u00df als resignativer Ausdruck von traumatischem Leiden an gewohnten Bindungen und einer sich aufl\u00f6senden Welt gedeutet werden, doch diese zersplitterte Welt birgt auch &#8211; virtuos orchestriert &#8211; aufblitzende Partikel von positiver Utopie, weit abseits der kitschigen Metaphern des zerbrochenen Spiegels.<\/p>\n<p>Die best\u00e4ndigen Diskurse und die Reflexion der pers\u00f6nliche Erfahrungen in Leben und Kunst zu den Themen Sexualit\u00e4t und Politik, gender diversity und Migration sichern weder gl\u00fcckliches Zusammenleben noch k\u00fcnstlerischen Erfolg der Schagers. Familie wie Kunst werden nie anders als unvollkommen sein. Doch zum Leben von Helga und Herbert geh\u00f6rte immer auch das Streben Naturgesetze au\u00dfer Kraft zu setzen. Give peace a chance ist auch gegen jede Natur &#8211; warum dann nicht auch f\u00fcr culture, couple and children a chance.<\/p>\n<p><strong>Rainer Zendron<\/strong>, Kulturarbeiter<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamm \u2013 5 IndividualistInnen spielen Familie Versuch zur Ausstellung von Helga, Herbert, Felix und Oona Valarie Schager mit Ufuk Serbest im Blauen Salon des Kulturhauses Tacheles in Berlin zum Thema Familie<\/p>\n","protected":false},"author":7625,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,20],"tags":[],"class_list":["post-4479","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-german","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7625"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4479"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10938,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4479\/revisions\/10938"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}