{"id":4468,"date":"2007-08-10T22:10:17","date_gmt":"2007-08-10T20:10:17","guid":{"rendered":"http:\/\/schager.servus.at\/?p=4468"},"modified":"2014-08-28T22:32:37","modified_gmt":"2014-08-28T20:32:37","slug":"tanja-brandmayr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schager.servus.at\/?p=4468","title":{"rendered":"TANJA BRANDMAYR: Summe ist mehr als die einzelnen Teile"},"content":{"rendered":"<p><strong>Summe ist mehr als die einzelnen Teile<\/strong><\/p>\n<p>Interessanterweise legt die Subkultur ein Bekenntnis zur Familienausstellung ab und <!--more-->verweist damit auf eine m\u00f6gliche Gegenstellung zu einem durchaus bekannten Komplex von urbaner Vereinzelung und gesellschaftlicher Atomisierung. Dass in diesem atomisierten Universum Helga und Herbert Schager, sowie die Kinder Valarie und Felix Schager mit Ufuk Serbest andere Dimensionen bewohnen, wird klar, wenn Felix Schager sagt: &#8222;Wir leben zwar als Familie, aber uns interessiert\u2019s nicht&#8220;. Was wohl hei\u00dfen soll, dass Familie nicht biologisch\/ideologisch erkl\u00e4rt werden will, sondern bestenfalls f\u00fcr kurze Zeit -quasi ph\u00e4nomenologisch- zur Beobachtung freigegeben wurde. Familie als Pflege des \u00c4hnlichen und als selbstverst\u00e4ndliche Praxis von Bindungen und Bezugnahmen, die gleicherma\u00dfen auf Interesse, Auseinandersetzung, Teilhabe, Akzeptanz und Individualit\u00e4t beruhen: F\u00fcnf IndividualistInnen spielen also Familie. Ufuk Serbest und Valarie Schager beschreiben das auf die k\u00fcnstlerische Arbeit der teilnehmenden ProtagonistInnen bezogen so: &#8222;Die Medien unterscheiden sich bei uns eigentlich nicht so stark, wir alle arbeiten innerhalb der bildenden Kunst mit Bildern, Video, Fotographie, Musik, Computerprogrammen und Installationen. Es gibt gleiche Hintergr\u00fcnde, die uns bewegen, sozusagen einen harmonischen Hintergrund in der Weltsicht, \u00dcberschneidungen in den Ansichten. Das \u00e4u\u00dfert sich bei jedem von uns aber in unterschiedlichen Bearbeitungen und Stilen&#8220;. Es gibt also die Familie und gemeinsame Arbeiten, im Vordergrund stehen aber in jedem Fall die Pr\u00e4sentationen der verschiedenen k\u00fcnstlerischen Positionen und Ausdrucksformen der einzelnen K\u00fcnstlerInnen.<\/p>\n<p>Ins Auge springt bei den Schagers ein gemeinsamer Background von freier Szene, beziehungsweise besser benannt von Subkultur. &#8222;Interessanterweise finden sich die Kinder heute dort wieder, was wir aus Ermangelung noch mit aufgebaut haben &#8211; schlichtweg&#8220;, so Herbert Schager, &#8222;weil bei uns in den 70er und 80er Jahren nichts Spannendes vorhanden war.&#8220; Zur Subkultur als Inspiration befragt, sagt Helga Schager: &#8222;Egal wo wir hingekommen sind, haben wir uns in diesem Mind von Subkultur wieder gefunden, in diesem gro\u00dfz\u00fcgigen offenen Vollzug von Gesellschaft, wo zwar wenig Mittel vorhanden sind, es daf\u00fcr aber umso mehr brodelt&#8220;. Ein energetisches Netzwerk, das Helga und Herbert Schager an viele Orte \u00d6sterreichs, Europas und unter anderem bis nach Brasilien, Bolivien und mehrfach nach New York gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>In seiner Mailausschreibung zur Ausstellung weist Martin Reiter vom Berliner Kunsthaus Tacheles auf einen sozusagen innovativen Aspekt des Konzeptes Familienausstellung hin, das seitens der Subkultur durchaus als harsche Kritik am herk\u00f6mmlichen Kunstsystem und am Kunstmarkt zu lesen ist. &#8222;Die Uniformit\u00e4t und Gleichmacherei unserer marktwirtschaftlich dominierten Tats\u00e4chlichkeit ist weder Schicksal noch Vorsehung, sondern lediglich ein vor\u00fcbergehender Zustand quasi-mafi\u00f6ser Zusammenh\u00e4nge [\u2026]. Die Arbeiten der Schagers haben nicht nur inhaltliche Tiefe, sondern auch Schwung und Spa\u00df [\u2026] Dort wo der gemeine westliche KuratorIn in Ratlosigkeit verf\u00e4llt und die Dinge (Kunst und K\u00fcnstlerIn) belanglos durcheinander w\u00fcrfelt und so glaubt, dem Zeitgeist zu entsprechen, bietet die Ausstellung im Tacheles eine neue Perspektive [\u2026]&#8220;. Reiter kritisiert damit eine Kuratorenschaft, die auf einer abstrakten Ebene mit einer quasi nichstsubstanziellen Vertextlichung der Kunst arbeitet und die Kunst, die sich nicht in einen aktuellen Diskurs von Maistream absorbieren l\u00e4sst, exkludiert. Kunst, die sich nicht arbeitsteilig und marktwirtschaftlich als Text subsumieren l\u00e4sst, weil sie sich sinnhaft, sinnlich, subversiv, utopisch oder schlichtweg als Gesamtes thematisch entzieht\/widersetzt, wird vom herk\u00f6mmlichen System Kunst bis zur Nichtexistenz dematerialisiert.<\/p>\n<p>Noch einmal sei Martin Reiter zitiert: &#8222;Das Tacheles zeigt bewusst diese generations\u00fcbergreifenden Arbeiten als Argument in der beginnenden Sinn- und Systemdiskussion. Dies meint, ein kreatives ausgef\u00fclltes Leben ist m\u00f6glich [\u2026]&#8220;, fernab der erw\u00e4hnten, bereits gemeinhin bekannten Dynamiken. Die Schagers jedenfalls arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen auf unterschiedliche Weise selbst mit Materialit\u00e4ten und Qualit\u00e4ten von Sprache, Narration und Konzept, sofern sie unterschiedlichen Bezugnahmen, Uneindeutigkeit und Metaebenen als gestalterische Elemente zulassen. Exemplarisch seien hierzu einige wenige Aspekte der unterschiedlichen Arbeitsans\u00e4tze hervorgehoben.<\/p>\n<p>In den Arbeiten von Helga Schager sind Sprache und Symbolik oftmalig zentrales gestalterisches Element, Sprache wird mitunter durch &#8222;Signalw\u00f6rter&#8220; auf ihren assoziativen Gehalt bef\u00fchlt. Wichtige Kontinuit\u00e4ten in den Arbeiten Helga Schagers sind Themen von Mensch, Frau, Entwicklung oder politische Aspekte von Gender, Zivilcourage, Sehnsucht und Utopie. Die stark auf Haptik und Sinnlichkeit ausgerichteten Arbeiten umfassen unter anderem ein Spektrum von Malereien, textilen Bildern, modellierten Grafiken bis hin zu Installationen, Computergrafiken oder die Serie &#8222;Information am schwarzen Brett&#8220;. Diese f\u00fchrt durch den Gebrauch von verschiedenen &#8222;Schreibmitteln&#8220; wie Kreide, N\u00e4geln oder Tackerklammern die Schwere von gemachter Bedeutung und den Grad von Irreversibilit\u00e4ten von Einschreibungen vor. Dieser unmittelbar materiellen F\u00fchlbarkeit werden schwebende Wunschsymbole erg\u00e4nzt. In anderen k\u00fcnstlerischen Arbeiten wird der Schwere von Realit\u00e4t die Leichtigkeit und Immaterialit\u00e4t von Konzeptarbeit entgegengesetzt \u2013 nicht selten mit gebotenem Witz und spielerischem Charakter ausgerichtet.<\/p>\n<p>Politisches Engagement und konzeptuelle Arbeit lassen sich auch bei Valarie Schager und Ufuk Serbest unschwer erkennen. Sie wurden zum Beispiel nach Beirut eingeladen und haben dort k\u00fcnstlerische Projekte verwirklicht. In einer Fotoserie dokumentierten sie Folgewirkungen der Hisbollah: Angst, Ausnahmezustand und eine undurchsichtige Zweiteilung in der Stadt veranlassten die beiden, Bilder von kaputten H\u00e4usern auf intakte H\u00e4user zu projizieren und somit eine unzynische Synthese aus zwei realen, einander entgegen gesetzten politischen Gegebenheiten zu schaffen: &#8222;Wir halten Kunst im \u00f6ffentlichen Raum wichtig f\u00fcr Emanzipation, Aufkl\u00e4rung und Entwicklung&#8220;, so Ufuk Serbest. Neben politischen Bezugnahmen gibt es bei Valarie Schager aber auch die Arbeit &#8222;Saiko&#8220;, die sich als bekannt simples Schiebespiel in anderer Form als &#8222;Aufforderung, ein Gem\u00e4lde anzugreifen&#8220; wiederum auf Spiel und Haptik bezieht.<\/p>\n<p>Spieltrieb kennt auch Felix Schager durch eine starke Bezugnahme auf die \u00c4sthetik von Computerspielen. In Videofilmen, Bildern und Fotoserien arbeitet er mit Momentaufnahmen, Stimmungen und Atmosph\u00e4ren. Spiel wird zu Action und integriert unterschiedlichste Zeichen, wie zum Beispiel entlehnte Alltagssymbolik oder Ausrufew\u00f6rter. Text entsteht in Videos aber auch unterschwellig durch die Thematisierung von unterschiedlichen Tempi von Alltag und Action (&#8222;Waiting Room&#8220;) sowie einer Dramaturgie von Alltagsgesten, zum Beispiel von Handschlagqualit\u00e4ten (&#8222;Privatpolitisch peinlich&#8220;).<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den Filmen von Herbert Schager, bei denen es um Bild und Rhythmus geht, integrieren dessen Bildserien Wort und Sprache als gestalterisches Element. Bei den computerbearbeiteten Fotos sticht besonders hervor, dass trotz fragmentarischen Zitierens auf zwei gro\u00dfe kunstgeschichtlich relevante Themenkreise Bezug genommen wird, n\u00e4mlich auf die Tradition der Selbstbildnisse und auf die Fokussierung von Innen- und Au\u00dfenwelt. Der programmatische Blick auf sich selbst scheint dabei Selbstdarstellung und \u00dcberpr\u00fcfung in einem. Innen und Au\u00dfen scheinen bereits verschmolzen. In Bilderserien (&#8222;Stencils&#8220;, &#8222;Brazil&#8220;, &#8222;CSI&#8220;) arbeitet Herbert Schager mit einem Material von \u00e4u\u00dferer Welt, mit Bildern von Stadtstreifz\u00fcgen, Reisen, ausufernder Architektur und sozialen Gegebenheiten, mit lebendigen Zeichen von Popkultur und Subkultur, mit Schablonen, Wortfetzen, Symbolen. In diese Bilder montiert er Bildfragmente und Selbstportr\u00e4ts. Umgekehrt findet man quasi im Arrangement seines &#8222;Wohnzimmers&#8220; Fernsehbilder, die an sich schon eine Vermischung von Versatzst\u00fccken kollektiver Innen- und Au\u00dfenwelt repr\u00e4sentiert; dazu kommen wieder reale Versatzst\u00fccke von Welt, die im Arbeitsprozess aus dem Ged\u00e4chtnis abgerufen werden k\u00f6nnen, sprich aus einer gro\u00dfen Bildersammlung, die sich gleicherma\u00dfen im Kopf wie im Fotoarchiv befindet. Herbert Schagers Bilder erz\u00e4hlen von einem Leben mit echten und falschen Faksimiles und irgendwie vom Wunsch nach Verr\u00fcckung von sozialen und politischen Gegebenheiten. Oder von einer gegenseitigen Aufhebung von Virtualit\u00e4ten, hinter der immer zuerst die individuelle Bedeutung zu suchen ist. Nichts scheint (nur) so zu sein, wie es sich \u00e4u\u00dferlich pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Wenn Herbert Schager feststellt, dass es interessant zu beobachten sei, dass es f\u00fcr die Kinder wieder spannend sei, Kunst als Gesamtheit von verschiedenen Kunstrichtungen zu begreifen, dass &#8222;die Kinder fast wieder so multimedial wie Pink Floyd in den 60er Jahren arbeiten&#8220;, wie die Musicacts\/Visuals von Felix Schager &#8222;Def Ill&#8220; und &#8222;Fireclath&#8220; zeigen, oder &#8222;Peligro Productions&#8220; von Valarie Schager und Ufuk Serbest, dann relativiert sich das doch wieder, wenn man die Verfasstheit der Kunst im Unterschied einer Generation betrachtet. Allein die Ausbildungen haben sich ver\u00e4ndert, sie integrieren Kunst, Soziales und Wissenschaft. Es bl\u00fchen so kuriose Bl\u00fcten, dass sich K\u00fcnstler zunehmend \u00fcber Strategien des Marktes zu unterhalten scheinen und umgekehrt sich Gro\u00dfeventmanager als K\u00fcnstler inszenieren, nur weil sie es sich schlichtweg leisten k\u00f6nnen, \u201einternationales\u201c Kunstshopping im globalen Supermarkt zu betreiben. Gesellschaft sowie Markt sind liberaler geworden &#8211; so oder so ist es wichtig die Regeln zu kennen, auch wenn man seitens der Schagers gewisse Mechanismen des Marktes unisono nicht bedienen will. F\u00fcnf famili\u00e4re IndividualistInnen einer Familie erkennen und reflektieren jedenfalls Gemeinsamkeiten und Unterschiede &#8211; und man &#8222;m\u00f6belt sich gegenseitig auf&#8220;, so Helga Schager. Als Beobachterin ist man versucht zu sagen, dass der Apfel zwar so gesehen vielleicht nicht so weit vom Stamm f\u00e4llt, dass das Fallen und Landen der \u00c4pfel aber mitunter ganz unterschiedlich aussehen kann.<\/p>\n<p><strong>Tanja Brandmayr<\/strong>, Autorin und Kulturschaffende<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Summe ist mehr als die einzelnen Teile Interessanterweise legt die Subkultur ein Bekenntnis zur Familienausstellung ab und<\/p>\n","protected":false},"author":7625,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,20],"tags":[],"class_list":["post-4468","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-german","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4468","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7625"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4468"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4468\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10940,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4468\/revisions\/10940"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schager.servus.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}