TANJA BRANDMAYR: Summe ist mehr als die einzelnen Teile

Summe ist mehr als die einzelnen Teile

Interessanterweise legt die Subkultur ein Bekenntnis zur Familienausstellung ab und verweist damit auf eine mögliche Gegenstellung zu einem durchaus bekannten Komplex von urbaner Vereinzelung und gesellschaftlicher Atomisierung. Dass in diesem atomisierten Universum Helga und Herbert Schager, sowie die Kinder Valarie und Felix Schager mit Ufuk Serbest andere Dimensionen bewohnen, wird klar, wenn Felix Schager sagt: „Wir leben zwar als Familie, aber uns interessiert’s nicht“. Was wohl heißen soll, dass Familie nicht biologisch/ideologisch erklärt werden will, sondern bestenfalls für kurze Zeit -quasi phänomenologisch- zur Beobachtung freigegeben wurde. Familie als Pflege des Ähnlichen und als selbstverständliche Praxis von Bindungen und Bezugnahmen, die gleichermaßen auf Interesse, Auseinandersetzung, Teilhabe, Akzeptanz und Individualität beruhen: Fünf IndividualistInnen spielen also Familie. Ufuk Serbest und Valarie Schager beschreiben das auf die künstlerische Arbeit der teilnehmenden ProtagonistInnen bezogen so: „Die Medien unterscheiden sich bei uns eigentlich nicht so stark, wir alle arbeiten innerhalb der bildenden Kunst mit Bildern, Video, Fotographie, Musik, Computerprogrammen und Installationen. Es gibt gleiche Hintergründe, die uns bewegen, sozusagen einen harmonischen Hintergrund in der Weltsicht, Überschneidungen in den Ansichten. Das äußert sich bei jedem von uns aber in unterschiedlichen Bearbeitungen und Stilen“. Es gibt also die Familie und gemeinsame Arbeiten, im Vordergrund stehen aber in jedem Fall die Präsentationen der verschiedenen künstlerischen Positionen und Ausdrucksformen der einzelnen KünstlerInnen.

Ins Auge springt bei den Schagers ein gemeinsamer Background von freier Szene, beziehungsweise besser benannt von Subkultur. „Interessanterweise finden sich die Kinder heute dort wieder, was wir aus Ermangelung noch mit aufgebaut haben – schlichtweg“, so Herbert Schager, „weil bei uns in den 70er und 80er Jahren nichts Spannendes vorhanden war.“ Zur Subkultur als Inspiration befragt, sagt Helga Schager: „Egal wo wir hingekommen sind, haben wir uns in diesem Mind von Subkultur wieder gefunden, in diesem großzügigen offenen Vollzug von Gesellschaft, wo zwar wenig Mittel vorhanden sind, es dafür aber umso mehr brodelt“. Ein energetisches Netzwerk, das Helga und Herbert Schager an viele Orte Österreichs, Europas und unter anderem bis nach Brasilien, Bolivien und mehrfach nach New York geführt hat.

In seiner Mailausschreibung zur Ausstellung weist Martin Reiter vom Berliner Kunsthaus Tacheles auf einen sozusagen innovativen Aspekt des Konzeptes Familienausstellung hin, das seitens der Subkultur durchaus als harsche Kritik am herkömmlichen Kunstsystem und am Kunstmarkt zu lesen ist. „Die Uniformität und Gleichmacherei unserer marktwirtschaftlich dominierten Tatsächlichkeit ist weder Schicksal noch Vorsehung, sondern lediglich ein vorübergehender Zustand quasi-mafiöser Zusammenhänge […]. Die Arbeiten der Schagers haben nicht nur inhaltliche Tiefe, sondern auch Schwung und Spaß […] Dort wo der gemeine westliche KuratorIn in Ratlosigkeit verfällt und die Dinge (Kunst und KünstlerIn) belanglos durcheinander würfelt und so glaubt, dem Zeitgeist zu entsprechen, bietet die Ausstellung im Tacheles eine neue Perspektive […]“. Reiter kritisiert damit eine Kuratorenschaft, die auf einer abstrakten Ebene mit einer quasi nichstsubstanziellen Vertextlichung der Kunst arbeitet und die Kunst, die sich nicht in einen aktuellen Diskurs von Maistream absorbieren lässt, exkludiert. Kunst, die sich nicht arbeitsteilig und marktwirtschaftlich als Text subsumieren lässt, weil sie sich sinnhaft, sinnlich, subversiv, utopisch oder schlichtweg als Gesamtes thematisch entzieht/widersetzt, wird vom herkömmlichen System Kunst bis zur Nichtexistenz dematerialisiert.

Noch einmal sei Martin Reiter zitiert: „Das Tacheles zeigt bewusst diese generationsübergreifenden Arbeiten als Argument in der beginnenden Sinn- und Systemdiskussion. Dies meint, ein kreatives ausgefülltes Leben ist möglich […]“, fernab der erwähnten, bereits gemeinhin bekannten Dynamiken. Die Schagers jedenfalls arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen auf unterschiedliche Weise selbst mit Materialitäten und Qualitäten von Sprache, Narration und Konzept, sofern sie unterschiedlichen Bezugnahmen, Uneindeutigkeit und Metaebenen als gestalterische Elemente zulassen. Exemplarisch seien hierzu einige wenige Aspekte der unterschiedlichen Arbeitsansätze hervorgehoben.

In den Arbeiten von Helga Schager sind Sprache und Symbolik oftmalig zentrales gestalterisches Element, Sprache wird mitunter durch „Signalwörter“ auf ihren assoziativen Gehalt befühlt. Wichtige Kontinuitäten in den Arbeiten Helga Schagers sind Themen von Mensch, Frau, Entwicklung oder politische Aspekte von Gender, Zivilcourage, Sehnsucht und Utopie. Die stark auf Haptik und Sinnlichkeit ausgerichteten Arbeiten umfassen unter anderem ein Spektrum von Malereien, textilen Bildern, modellierten Grafiken bis hin zu Installationen, Computergrafiken oder die Serie „Information am schwarzen Brett“. Diese führt durch den Gebrauch von verschiedenen „Schreibmitteln“ wie Kreide, Nägeln oder Tackerklammern die Schwere von gemachter Bedeutung und den Grad von Irreversibilitäten von Einschreibungen vor. Dieser unmittelbar materiellen Fühlbarkeit werden schwebende Wunschsymbole ergänzt. In anderen künstlerischen Arbeiten wird der Schwere von Realität die Leichtigkeit und Immaterialität von Konzeptarbeit entgegengesetzt – nicht selten mit gebotenem Witz und spielerischem Charakter ausgerichtet.

Politisches Engagement und konzeptuelle Arbeit lassen sich auch bei Valarie Schager und Ufuk Serbest unschwer erkennen. Sie wurden zum Beispiel nach Beirut eingeladen und haben dort künstlerische Projekte verwirklicht. In einer Fotoserie dokumentierten sie Folgewirkungen der Hisbollah: Angst, Ausnahmezustand und eine undurchsichtige Zweiteilung in der Stadt veranlassten die beiden, Bilder von kaputten Häusern auf intakte Häuser zu projizieren und somit eine unzynische Synthese aus zwei realen, einander entgegen gesetzten politischen Gegebenheiten zu schaffen: „Wir halten Kunst im öffentlichen Raum wichtig für Emanzipation, Aufklärung und Entwicklung“, so Ufuk Serbest. Neben politischen Bezugnahmen gibt es bei Valarie Schager aber auch die Arbeit „Saiko“, die sich als bekannt simples Schiebespiel in anderer Form als „Aufforderung, ein Gemälde anzugreifen“ wiederum auf Spiel und Haptik bezieht.

Spieltrieb kennt auch Felix Schager durch eine starke Bezugnahme auf die Ästhetik von Computerspielen. In Videofilmen, Bildern und Fotoserien arbeitet er mit Momentaufnahmen, Stimmungen und Atmosphären. Spiel wird zu Action und integriert unterschiedlichste Zeichen, wie zum Beispiel entlehnte Alltagssymbolik oder Ausrufewörter. Text entsteht in Videos aber auch unterschwellig durch die Thematisierung von unterschiedlichen Tempi von Alltag und Action („Waiting Room“) sowie einer Dramaturgie von Alltagsgesten, zum Beispiel von Handschlagqualitäten („Privatpolitisch peinlich“).

Im Gegensatz zu den Filmen von Herbert Schager, bei denen es um Bild und Rhythmus geht, integrieren dessen Bildserien Wort und Sprache als gestalterisches Element. Bei den computerbearbeiteten Fotos sticht besonders hervor, dass trotz fragmentarischen Zitierens auf zwei große kunstgeschichtlich relevante Themenkreise Bezug genommen wird, nämlich auf die Tradition der Selbstbildnisse und auf die Fokussierung von Innen- und Außenwelt. Der programmatische Blick auf sich selbst scheint dabei Selbstdarstellung und Überprüfung in einem. Innen und Außen scheinen bereits verschmolzen. In Bilderserien („Stencils“, „Brazil“, „CSI“) arbeitet Herbert Schager mit einem Material von äußerer Welt, mit Bildern von Stadtstreifzügen, Reisen, ausufernder Architektur und sozialen Gegebenheiten, mit lebendigen Zeichen von Popkultur und Subkultur, mit Schablonen, Wortfetzen, Symbolen. In diese Bilder montiert er Bildfragmente und Selbstporträts. Umgekehrt findet man quasi im Arrangement seines „Wohnzimmers“ Fernsehbilder, die an sich schon eine Vermischung von Versatzstücken kollektiver Innen- und Außenwelt repräsentiert; dazu kommen wieder reale Versatzstücke von Welt, die im Arbeitsprozess aus dem Gedächtnis abgerufen werden können, sprich aus einer großen Bildersammlung, die sich gleichermaßen im Kopf wie im Fotoarchiv befindet. Herbert Schagers Bilder erzählen von einem Leben mit echten und falschen Faksimiles und irgendwie vom Wunsch nach Verrückung von sozialen und politischen Gegebenheiten. Oder von einer gegenseitigen Aufhebung von Virtualitäten, hinter der immer zuerst die individuelle Bedeutung zu suchen ist. Nichts scheint (nur) so zu sein, wie es sich äußerlich präsentiert.

Wenn Herbert Schager feststellt, dass es interessant zu beobachten sei, dass es für die Kinder wieder spannend sei, Kunst als Gesamtheit von verschiedenen Kunstrichtungen zu begreifen, dass „die Kinder fast wieder so multimedial wie Pink Floyd in den 60er Jahren arbeiten“, wie die Musicacts/Visuals von Felix Schager „Def Ill“ und „Fireclath“ zeigen, oder „Peligro Productions“ von Valarie Schager und Ufuk Serbest, dann relativiert sich das doch wieder, wenn man die Verfasstheit der Kunst im Unterschied einer Generation betrachtet. Allein die Ausbildungen haben sich verändert, sie integrieren Kunst, Soziales und Wissenschaft. Es blühen so kuriose Blüten, dass sich Künstler zunehmend über Strategien des Marktes zu unterhalten scheinen und umgekehrt sich Großeventmanager als Künstler inszenieren, nur weil sie es sich schlichtweg leisten können, „internationales“ Kunstshopping im globalen Supermarkt zu betreiben. Gesellschaft sowie Markt sind liberaler geworden – so oder so ist es wichtig die Regeln zu kennen, auch wenn man seitens der Schagers gewisse Mechanismen des Marktes unisono nicht bedienen will. Fünf familiäre IndividualistInnen einer Familie erkennen und reflektieren jedenfalls Gemeinsamkeiten und Unterschiede – und man „möbelt sich gegenseitig auf“, so Helga Schager. Als Beobachterin ist man versucht zu sagen, dass der Apfel zwar so gesehen vielleicht nicht so weit vom Stamm fällt, dass das Fallen und Landen der Äpfel aber mitunter ganz unterschiedlich aussehen kann.

Tanja Brandmayr, Autorin und Kulturschaffende

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